Gastbeitrag Dr. phil. nat. Simon Aegerter

Papier ist geduldig. Die Schweizerische Energiestiftung (SES) glaubte Doris Leuthard und dem Bundesamt für Energie einen Gefallen tun zu müssen. Sie gab, wie es ihre Gewohnheit ist, eine Studie in Auftrag. Die Frage: was ist für die Schweiz billiger, die Wende oder die Nichtwende? Als die Studie fertig war, versandte die SES eine Pressemitteilung. Die Agenturen übernahmen sie und die Zeitungen druckten sie brav ab. Das Geld, das Papier und die Druckerschwärze hätte man sich sparen können. Das Ergebnis stand von vorneherein fest.

Es sei nicht eine Prognose, beeilte sich die SES zu betonen, sondern es seien Szenarien. Genau! Szenarien lassen sich wie Bühnenbilder im Theater beliebig manipulieren. Seriös betrieben helfen sie, komplexe Zusammen-hänge zu verstehen. Was passiert, wenn…? Ist die typische Szenario-frage. Etwa: Was passiert mit dem Individualverkehr, wenn sich der Benzin-preis verdoppelt? Eine einfache Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Der Benzinpreis wirkt sich auf unterschiedliche Autofahrten unterschiedlich aus: Fahrten zum Vergnügen, zum Pendeln, bei der Arbeit, zum Einkaufen, zum Warentransport, zur Rettung reagieren nicht gleich.

In der vorliegenden Studie würde man etwa folgende Fragen erwarten: Was kostet der Strom, wenn der Atomstrom wegfällt? Im Winter? Nachts? Oder: Was kostet es die Bundesverwaltung, die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) abzurechnen. Oder: was kostet es die KMU, all die in Zukunft verlangten Energieeffizienznachweise zu liefern? Es gibt viele weitere interessante und wichtige Fragen, auf die man gerne eine Antwort hätte.

Die SES hat es sich viel einfacher gemacht: Man weiss ja, dass wir dank der Energiewende im Jahr 2050 viel weniger Öl und Gas brauchen werden, als wenn wir weitermachen wie bisher. (siehe Abbildung) Also stellt sich die Frage: in welchem Fall sparen wir mehr Gas- und Ölkosten? Wenn man zur Beantwortung dieser einfachen Frage sage und schreibe 150 Seiten füllen will, dann geht das nur mit Zahlenspielereien im realitätsfreien Raum. Damit doch noch etwas Spannung aufkommt, wird keck vorgeschlagen, den Solarstrom gegenüber den Plänen des Bundes zu verdoppeln: auf 22 TWh pro Jahr. Dazu braucht man eine installierte Leistung von 25 GW (siehe “Kopfrechnen”). An einem schönen Mittag im Juni wird diese Leistung auch tatsächlich geliefert. Wo dieser Strom hin soll, sagt man nicht (der höchste Verbrauch in der Schweiz ist weniger als 12 GW – im Dezember!) und wo die 2’000 km2 Solarpanels stehen sollen auch nicht (Es gibt gemäss “Swissolar” in der Schweiz 400 km2 Dachfläche) .

Ein Beispiel für Realitätsferne gefällig? Bitte: Weil ein grosser Teil des Energiebedarfs Produktionsenergie ist, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Energiebedarf und Wirtschaftsleistung, dem Brutto-Inlandprodukt (BIP), nämlich die Energieintensität. Sie sagt, wieviel Energie es braucht, um 1 Fr. Volkseinkommen zu erzeugen. 2011 waren es 0,45 kWh. Diese Zahl hat in den letzten 20 Jahren um 16% abgenommen.Energiewende - Auswirkungen auf das BIP

Die Studie geht davon aus, dass das BIP von 550 Milliarden 2010 auf 800 Milliarden 2050 steigt. Weil der Gesamtenergieverbrauch in der gleichen Zeit um 40% zurückgeht heisst das, dass die Energie-intensität in 35 Jahren um fast 60% abnimmt. So etwas ist auf diesem Planeten noch nie vorgekommen! Es wird auch nie geschehen: entweder das BIP nimmt ab – wir werden ärmer – oder es gibt keine Energiewende. Zahlenspielereien im realitätsfreien Raum - eigenartig, dass sich die NZZ nicht zu schade war, dafür Platz zu vergeuden.